Newsletter 05.04.2020

Die Brücke

DER NEWSLETTER DER EVANGELISCHEN GEMEINDE DEUTSCHER SPRACHE IN THAILAND 21 (2020)

Newsletter 05.04.2020

Liebe Gemeindemitglieder,

liebe Interessierte, Freunde und Freundinnen unserer Gemeinde!

Ich will heute am Gründonnerstag mit einem Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 4. April 2020 an die Hinrichtung Dietrich Bonhoeffers vor 75 Jahren im KZ Flossenbürg erinnern.  Der Kolumnist Heribert Prantl ehrt in seinem Artikel gegenwartsbezogen Dietrich Bonhoeffer und das Gedenken an den Widerstand gegen Hitler. Gerne teile ich diesen Beitrag mit Ihnen.

Ich selbst bin stolz, dass ich auf ein evangelisches Gymnasium gehen durfte, das den Namen Dietrich Bonhoeffers trug. Ich konnte als Schüler die Weite und Größe Bonhoeffers als Theologen und Widerstandskämpfer gegen die Nazis nicht voll ermessen. Bonhoeffers Geist von christlicher Freiheit und verantwortlichem Handeln aber war in meiner Schule lebendig und hat mich geprägt in meinem Denken, Handeln und Glauben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Es folgen zwei kurze Meditationen von dem Ratsvorsitzenden der EKD, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, der im ersten Artikel ein Gebet von Dietrich Bonhoeffer und im zweiten Text die Liedstrophe von Paul Gerhardt „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt … “ meditiert.

Schließlich folgen noch Ankündigungen für die Andacht per Video vom Protestantischen Friedhof in Bangkok am Ostersonntag, 12. April 2020 und die Ankündigung für einen geplanten Gottesdienst online weltweit am Sonntag, den 26. April 2020.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Karfreitag und einen frohen Ostertag.

Bleiben Sie gesund, behütet und gesegnet.

Carsten Körber

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An der Westfront der Westminster Abbey in London steht eine Reihe mit zehn Statuen von Märtyrern des 20. Jahrhunderts, darunter die Statue von Dietrich Bonhoeffer.

Ein Artikel der digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 04.04.2020
http://sz.de/1.4866882

Meinung, 04.04.2020
Kolumne

Von Eis bedeckt

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Von Heribert Prantl

Noch eine Woche bis Ostern. Es ist ein ganz anderes Ostern als sonst. Zwar läuten auch diesmal die Kirchenglocken, sie läuten aber nicht zum Kirchgang, nicht zum österlichen Jubel, sondern nur zur Erinnerung daran, dass Ostern ist. Die Bänke in den Kirchen bleiben leer. Es gibt keine Ostergottesdienste; kein Orgelgebraus, kein Halleluja. Und zu Hause fällt das große Osterfrühstück aus. Es gibt amtliche Kontaktsperren, die Familien kommen daher nicht zusammen, Oma und Opa bleiben, coronabedingt, bei sich zu Hause. Ein Osterspaziergang findet, wenn überhaupt, nur mit Mundschutz statt. Und in Goethes berühmtem Gedicht über diesen Spaziergang stimmt heuer schon der Anfang nicht: Das Leben ist nicht vom Eis befreit, sondern wie mit Eis überzogen.

Corona hat die Schulen, die Kirchen, die Theater, die Kinos, Gaststätten, Geschäfte, die Kaufhäuser und Sportstudios, die Kultur- und die Einkaufszentren leer geräumt, auch die Volkshochschulen und die Veranstaltungskalender. Corona beherrscht die weltweite Aufmerksamkeit. Corona hat alle anderen Probleme und fast alle anderen Themen verdrängt. Corona führt zu einem ver-rückten Blick auf die Welt. Corona neutralisiert das Interesse an allem, was nichts mit dem Virus zu tun hat. Corona hat die Nachrichten und die Köpfe besetzt. Um diesem Virus möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, wurde und wird das öffentliche Leben radikal reduziert, das private auch. Dem Virus sind auch die Veranstaltungen zum Opfer gefallen, die zum Gedenken an den Widerstand gegen Hitler geplant waren.

Vor 75 Jahren, am 9. April 1945, genau einen Monat vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden die letzten Widerstandskämpfer gegen Adolf Hitler und den Nationalsozialismus umgebracht – unter ihnen war der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Es gehört im Jahr 2020 zum Kampf, zum Widerstand gegen Corona, von diesem Virus das Gedenken an die Widerständler gegen Hitler nicht anstecken und ersticken zu lassen. Es schadet daher nichts, wenn es ein paar Klopapierwitze weniger, aber dafür ein paar Gedanken mehr an Bonhoeffer und seine Mitverschwörer und Widerständler gibt.

Bonhoeffer war evangelischer Theologe, ein Pfarrer; es war für ihn eine große Gewissensfrage, ob man als Christ an einem Attentat mitwirken darf. Das Gebot lautet bekanntlich: Du sollst nicht töten. Bonhoeffer hat das verantwortet; Glauben war für ihn etwas Diesseitiges, mit einem Jenseits-Gott konnte er nichts anfangen. Kirche war für ihn nur Kirche, wenn sie für andere da ist; und Glauben hieß für ihn, nicht mehr die eigenen Leiden wahrzunehmen, sondern die der anderen; für ihn waren sie die Leiden Gottes in der Welt. „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“, sagte er.

Bonhoeffer wollte kein Widerstandskämpfer werden. Aber die Verfolgung der Juden stellte, so sah er das, die Kirche vor die Gottesfrage, in der sich entschied, ob sie überhaupt noch Kirche war. „Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen, sei es einen Heiligen oder einen Gerechten, dann wird man ein Mensch, ein Christ“, schrieb er am Tag nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 in einem Brief aus der Haft.

Der Theologe Bonhoeffer war von guten Mächten gar nicht wunderbar geborgen; er hat trotzdem davon geschrieben, auch das war eine Form des Widerstands. Und er ging gefasst in den Tod. Am 8. April 1945 wurde er im Konzentrationslager Flossenbürg zum Tod verurteilt – zusammen mit General Hans Oster, Admiral Wilhelm Canaris, dem Offizier Ludwig Gehre und dem Heeresrichter Karl Sack; alle wegen ihrer Beteiligung am gescheiterten Umsturzversuch vom 20. Juli 1944. Am 9. April 1945 wurden sie gehängt. Vorher hatten sie sich völlig entkleiden und nackt zum Galgen gehen müssen. Sechs Stunden dauerte die Hinrichtung, weil die bis zur Ohnmacht Strangulierten wiederbelebt wurden, um ihren Todeskampf zu verlängern.

Der Widerstand gegen Hitler steht Pate für Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar

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Am selben Tag, am 9. April 1945, wurde der Widerstandskämpfer Ewald von Kleist in Berlin-Plötzensee guillotiniert. Der Kunstschreiner Georg Elser, der einsame Mann, der im November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller das nur knapp gescheiterte Bombenattentat auf Hitler und fast die gesamte NS-Führungsschicht ausgeführt hatte, wurde gleichfalls am 9. April 1945 exekutiert, im Konzentrationslager Dachau.

Der Widerstand gegen den Jahrtausendverbrecher Hitler: Es waren Menschen aus allen politischen Gruppen, die diesen Widerstand geleistet haben, es waren Menschen aus allen Schichten des Volkes – Offiziere, Arbeiter, Adlige, Geistliche. Neben den oft aristokratischen Namen vom 20. Juli stehen die Namen der kommunistischen und sozialistischen Widerständler, von denen so viele in den Konzentrationslagern umkamen; die Namen der Roten Kapelle zum Beispiel, dazu die Namen der Weißen Rose und des Nationalkomitees Freies Deutschland, dazu die Namen der christlichen Widerständler, des Kardinals von Galen etwa, des Jesuiten Alfred Delp und eben der Name Bonhoeffer.

Gemeinsam war ihnen die Ablehnung von Totalitarismus, Rassenwahn und Menschenverachtung. Ihnen allen, allen Widerständlern gegen Hitler, ist das Grundgesetz zu widmen. Ihnen sind all die nicht selbstverständlichen Selbstverständlichkeiten und Rechte im Grundgesetz zu widmen, die wir im Moment so vermissen. Es wäre der Sinn und das Verdienst einer großen Widmung im Grundgesetz, sie alle, die Widerständler gegen Hitler, in einem Atemzug zu nennen: als Märtyrer für ein besseres Deutschland. Es wäre dies die Ökumene des Widerstands.

Der Widerstand gegen Hitler steht Pate für die Artikel 1 und 20 Absatz 4 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ In diesem Satz steckt die Aufforderung, es nicht so weit kommen zu lassen, dass es den großen Widerstand braucht. Dieser Satz ist die Aufforderung zum kleinen Widerstand. Zum kleinen Widerstand gehört es auch, den Tod der großen Widerständler und ihr Gedenken auch in den Corona-Toten-Zeiten nicht zu vergessen.

Prof. Dr. Heribert Prantl

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Prof. Dr. Heribert Prantl, geb. 1953 in Nittenau/Oberpfalz, war 25 Jahre lang Leiter des Ressorts Innenpolitik der SZ, sodann Leiter des neugegründeten Ressorts Meinung. Acht Jahre lang war er Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung. Seit seinem altersbedingten Ausscheiden aus diesen Ämtern zum 1. März 2019 ist er Kolumnist und Autor der SZ. Er lehrt als Honorarprofessor für Rechtswissenschaft an der Universität Bielefeld. Prantl hat Recht, Geschichte und Philosophie studiert, parallel dazu eine journalistische Ausbildung gemacht und im Urheber- und Wettbewerbsrecht promoviert. Bevor er 1988 als rechtspolitischer Redakteur zur SZ ging, war er sechs Jahren lang erst Richter, dann Staatsanwalt in Bayern. Er liebt die Musik seines oberpfälzischen Landsmanns Christoph Willibald Gluck. Wenn er die hört, legt er Romane, Geschichtsbücher, die „Reine Rechtslehre“ und sogar die Süddeutsche Zeitung beiseite.

Heribert Prantl hat zahlreiche politische Bücher geschrieben, für das erste Buch „Deutschland, leicht entflammbar“ erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis. Zu seinen weiteren Auszeichnungen zählen u.a. der Wissenschaftspreis der Universität Regensburg und des Hauses Thurn und Taxis, der Kurt-Tucholsky-Preis, der Rhetorik-Preis der Universität Tübingen, der Hildegard-Hamm-Brücher-Preis, der Siebenpfeiffer-Preis, der Roman-Herzog-Preis, der Wilhelm-Hoegner-Preis und der Brüder-Grimm-Preis der Universität Marburg. Für seine Leitartikel zu den großen christlichen Feiertagen verlieh ihm der Fachbereich Theologie der Universität Erlangen-Nürnberg den Dr. h. c. der Theologie. Jüngste Buchveröffentlichungen: „Im Namen der Menschlichkeit. Rettet die Flüchtlinge“ (2015); „Trotz alledem. Europa muss man einfach lieben“ (2016); „Gebrauchsanweisung für Populisten“ (2017); „Vom großen und kleinen Widerstand“ (2018).

Newsletter 05.04.2020


Newsletter 05.04.2020

„Ich glaube, dass Gott auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will.“ Das steht auf dieser gelben Karte. Ich führe sie seit bald 20 Jahren fast jeden Tag mit. Damals, in meiner Zeit als Gemeindepfarrer, habe ich sie auf gelbes Papier gedruckt und laminiert, weil sie mir so kostbar sind. Vielleicht haben Sie die Worte schon wiedererkannt. Sie stammen von Dietrich Bonhoeffer, formuliert in der Zeit seiner Haft als Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime. Morgen sind es genau 75 Jahre, dass Bonhoeffer auf Befehl Adolf Hitlers im KZ Flossenbürg hingerichtet worden ist. Seine tiefe Frömmigkeit war untrennbar verbunden mit einem mutigen Engagement für die Welt. Mir sind seine Worte in diesen Tagen wieder besonders wichtig geworden, denn sie strahlen eine tiefe Zuversicht aus, in schwerer Zeit. Die Sätze, die dann kommen, strahlen genau diese Zuversicht aus. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchen Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Nehmt diese Worte in eure Seele auf und geht gesegnet und behütet in diesen Tag.

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Der EKD-Ratsvorsitzende ermuntert und bestärkt mit einer täglichen Videobotschaft auf www.facebook.com/landesbischof/ und www.youtube.com/user/bayernevangelisch/videos die Menschen: „Jesus hat geheilt und deswegen sind die Menschen, die jetzt heilen, die Menschen, die jetzt Nähe ausstrahlen, Liebe ausstrahlen, auf andere achten, so etwas wie die Hände Gottes für mich in diesen Tagen.“

www.facebook.com/landesbischof/
https://www.youtube.com/user/bayernevangelisch/videos


Newsletter 05.04.2020
„Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt!“ Das ist der Beginn eines Liedes von Paul Gerhardt, das viele Menschen in den letzten Jahrhunderten durch schwere Zeiten getragen hat. Ich habe dieses Lied noch einmal neu entdeckt in diesen Tagen in einem Video vom Bachfest in Malaysia, gesungen zu der Melodie des Bachchorals „O Haupt voll Blut und Wunden“ aus der Matthäuspassion. Ein Trostlied, gesungen zu den Tönen der Passion. Was mich aber besonders bewegt hat, waren die Menschen, die es gesungen und gespielt haben: Musizierende aus unterschiedlichen Kontinenten, digital zusammengeführt zu einem großen Klang. Welch eine Symbolik für einen Moment lang – schon in der Passionszeit ein kleines Osterlicht. Die Vision von einer Welt, in der alle Menschen friedlich und ohne Angst zusammenleben können und in der alle Tränen abgewischt sind. Mich hat das Video – ich gebe es gerne zu – zu Tränen gerührt und in mir die Gewissheit gestärkt, die Paul Gerhardt in den Zeilen, die dann folgen, zum Ausdruck bringt: „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn. Der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“ Gesegnet und behütet in diesen Tag.

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Der EKD-Ratsvorsitzende ermuntert und bestärkt mit einer täglichen Videobotschaft auf www.facebook.com/landesbischof/ und www.youtube.com/user/bayernevangelisch/videos die Menschen: „Jesus hat geheilt und deswegen sind die Menschen, die jetzt heilen, die Menschen, die jetzt Nähe ausstrahlen, Liebe ausstrahlen, auf andere achten, so etwas wie die Hände Gottes für mich in diesen Tagen.“

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Hinweise auf Andachten und Gottesdienste

Ostersonntag 12. April 2020 – Videoandacht zum Ostersonntag vom Protestantischen Friedhof Bangkok.

26.April 2020 11 Uhr Bangkok time: Gottesdienst online – weltweit aus dem Gemeindehaus Bangkok geplant (Hinweise folgen!)


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